Sinneswandel – Der Weg zum Slow Travel

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Dieser Artikel bezieht sich auf die Blogparade „Slow Travel – Wider den To-Do-Listen!“ von 1 THING TO DO: http://1thingtodo.de/slow-travel-blogparade/

Heiliges Jahr – Rom 2000. Als wir Menschen die „Heilige Stiege“ auf den Knien hinauf rutschen sehen, machen wir uns Gedanken darüber, ob hier vielleicht der eine oder andere seine kleinen Sünden abbüßt, welche er dadurch begangen hat, dass er den einen oder anderen touristischen Pilger oder pilgernden Touristen um einen Teil seiner Habseligkeiten gebracht hat? So hat Religion für jeden etwas Gutes. Der Bestohlene kann sich Trost, der Dieb seine Absolution holen.

Freunde haben uns ihre Wohnung für unseren einmonatigen Aufenthalt überlassen, so leben wir hier fast wie die Römer, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied. Der Römer, der während seines Urlaubs in der Stadt bleibt, genießt. Er geht in dem einen oder anderen Park spazieren, fährt ans Meer oder in die nahegelegenen Albaner Berge, erholt sich. Wir aber haben als Reiseführer das Standardwerk von „Petrich“ im Gepäck und der steigt tief ein in die Geschichte der Stadt, so tief, dass meine liebe Frau nach vierzehn Tagen das Handtuch wirft und zwar genau in dem Moment, als ich die Hand in den geöffneten „Mund der Wahrheit“ stecke, dem Maul in dem scheibenförmigen Relief in der Vorhalle der Kirche „Santa Maria in Cosmedin“. Ich solle sofort gestehen, ob ich mich dem Besichtigungsstress, dem wir uns seit zwei Wochen unterwerfen, noch weiter beugen  möchte. Das ist die Stunde der Offenbarung, sage ich die Wahrheit, müssen wir aufhören durch die Stadt zu rasen, lüge ich, wird die Hand in dem Maul stecken bleiben – und was mache ich dann? Ich entscheide mich für die Wahrheit, wohl wissend, dass auf der Petrich-Liste noch viele Ziele in Rom stehen, die ich wahrscheinlich nie mehr bewältigen werde.

Die ersten zwei Wochen waren die Hölle. Wir haben nicht nur alle Pilgerkirchen besucht, sondern sind noch in vielen anderen Gotteshäusern gewesen, immer den „Petrich“ mit seinen detailliertesten Detailbeschreibungen in der Hand, haben Rom von den Relikten ihrer Entstehung bis hin in die Gegenwart durchstreift. In der Kirche „San Giovanni in Laterano“ bin ich in der  Kapelle „Sancta Sanctorum“ nahe dran, dem Rom-Syndrom zu unterliegen und  die Heilige Stiege auf Knien von Stufe zu Stufe hinaufzurutschen und auf jeder Stufe ein Vaterunser zu beten, ich als agnostischer Absurdist, ganz offensichtlich dem Wahnsinn nahe, so wie das japanische Pärchen, eigentlich dem Shintoglauben zugetan, welches das tatsächlich tut. Wir verlassen „Santa Maria in Cosmedin“ und von dem Moment an, sehen uns nur noch die Trattorien von Trastevere, der Fischhändler am Markt in der Nähe der Via delle Palme, der Campo de’ Fiori, wir wandern auf der Via Appia, spazieren mit einem Eis in der Hand am Lido de Ostia, genießen dir frische Luft und den Weißwein von Frascati.

Das war vor über fünfzehn Jahren, meine ganz persönliche Slow-Travel-Geburtsstunde.