Der Weg – Tag 7: Zurück in der „Zivilisation“

30.10. 2001: Heute erlaube ich mir mit dem erstaunlich großen Rest an Mineralwasser eine große Morgentoilette. Nach dem letzten gemeinsamen Frühstück brechen wir auf in Richtung Camp am Rande der Stadt M’hammid welches wir in einer knappen Stunde erreichen.

Barik spielt auf seiner aus einem Motorenölkanister gebastelten Gitarre ein Abschiedslied für mich. Ein Peugeot-Taxi wartet auf mich. Durch das Draa-Tal mit seinen Dattelpalmen, so grün als hätte es erst kürzlich geregnet (dabei ist der Regen schon seit Jahren ausgefallen) geht es flott zurück nach Zagora. Der Siebensitzer füllt sich, zeitweise sind neun Erwachsene plus einige Kinder im Auto – Vorgeschmack auf Schwarzafrika. Ein Mädchen kotzt in eine Plastiktüte. Im Laden hole ich meinen schweren Rucksack ab und ein junger Mann bringt mich mit seinem klapprigen Kleinwagen zum Busbahnhof. Während ich auf den Bus warte genieße ich den Blick auf das Gewusel um mich herum, besonders beeindruckt bin ich von den schlank gewachsenen Berberfrauen  in ihren schwarzen Umhängen. Meine Rückenschmerzen sind wie weggeblasen. Bald ist der Bus bis auf den letzten Platz besetzt und die Reise kann beginnen. Neben mir sitzt ein französisches Ehepaar mit zwei kleinen Mädchen. So weit das Auge reicht reihen sich die Dattelpalmen dazwischen erheben sich mächtige Kasbahs und Lehmdörfer sind in Täler eingebettet. Die Lehmbauten erfordern einen enormen Aufwand, müssen permanent gepflegt und ausgebessert werden. Das Sammeltaxi entlässt mich in Ouarzazate vor dem Hotel Royal und ich bekomme wieder das gleiche Zimmer wie vor einigen Tagen. Die ehemalige Kasbah Tifoultoute auf einem Hügel am Rande der Stadt zu der ich spaziere ist mittlerweile ein vornehmes Hotel. Auch hier wurden Szenen für „Lawrence von Arabien“ gedreht. Als ich zu meinem Hotel zurück gehe ist es bereits stockdunkel. Der Vollmond lugt nur selten hinter den Wolken hervor. Im angesagten Hotel El Salam gönne ich mir ein hervorragendes Dinner mit viel Salat.    

Ich möchte diesen Abschnitt nicht ohne einen Blick in mein Buch schließen:

„….Ist es mir auch verwehrt, mit einer Karawane nach Timbuktu zu ziehen, so möchte ich hier am „Tor zur Wüste“ dem Mysterium Sahara wenigstens etwas näherkommen. In der etwa 100 km entfernten Ortschaft M’hammid will ich mir Kamel und Führer suchen. Dort beginnt die ursprüngliche Sahara. In einem Berbercamp, einer Ansammlung großer Stoffzelte am Rande der Kleinstadt, treffe ich Barik, einen 23jährigen im Outfit der „Blauen Männer der Wüste“. Er ist bereit, mit mir einen dreitägigen Wüstentrip zu unternehmen. So trotten wir gemeinsam mit dem Dromedarbullen Hassan hinaus in die Dünenlandschaft einer der größten Sandwüsten der Welt. Diese Tage unter der glühenden Sonne Afrikas werden mir immer im Gedächtnis bleiben. Barik, Hassan und ich begegnen tagelang keinem einzigen Menschen. Wir sprechen nicht viel. Mittags rasten wir im Schatten einer Düne, nachts ruhen wir  in einer Stille, die so tief ist wie der Himmel weit. Die silberne Mondscheibe, das Funkeln der Sterne. Schritt für Schritt ziehen wir in die Unendlichkeit, und doch sind wir ganz bei uns….“ Wolfgang Stoephasius: In siebzig Jahren um die Welt. Der meistgereiste Deutsche erzählt seine größten Abenteuer ©2016 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Der Weg – Tag 4: Zagora – das Schild

Samstag, 27.10. 2001: Es ist noch tiefe Nacht, als ich aus dem Haus gehe, schleppe mich mit meinem eigentlich viel zu schweren Rucksack ab. Der CTM-Bus soll angeblich um 4:30 Uhr abfahren. Ich stehe mutterseelenalleine am gare routière, fühle mich verloren. Aber tatsächlich rollt der bereits gut besetzte Bus kurz nach Halb ein. Ich döse vor mich hin, als der Bus durch die Ausläufer des Djebel Sarko rollt. Bei der „roten Stadt“ Agdz geht die Dämmerung in den Tag über. Als wir durch das Draa-Tal mit seinen grünen Dattelpalm-Plantagen fahren, bin ich endgültig wach. Es hat in der Gegend bereits seit vier Jahren nicht mehr geregnet, erzählt mir mein Sitznachbar. Für mich grenzt es an ein Wunder, dass die Palmenhaine noch so saftig grün scheinen: die traditionelle Bewässerungstechnik funktioniert beeindruckend. Nach dreistündiger Fahrt rollt der Bus in der Kleinstadt Zagora ein.

Mir fällt ein einsamer Mann auf der ständig mit seinen Händen vor seinem Gesicht herumfuchtelt. Ein Verrückter? Als ich aus dem Bus steige, kenne ich den Grund und fange auch an, um mich zu schlagen, tausende von Fliegen stürzen sich auf ihre Opfer. Meiner Recherchen im Internet haben ergeben, dass in diesem Ort noch immer das Schild aus den Träumen meiner Kindheit steht. Ich stelle den Rucksack in einem Souvenirladen unter und mache mich zunächst auf Orientierungsrundgang, wie von Geisterhand weggewischt, sind die Fliegen verschwunden. Vor der Polizeistation steht tatsächlich das Schild „Tombouctou 52 Jours“.

Wie lange werde ich wohl für die Reise brauchen? Wenn ich auch nicht auf dem Kamel nach Timbuktu reiten kann, möchte ich zumindest von hier aus etwas vom Spirit der Wüste spüren und lasse mir von den Leuten im Laden eine dreitägige Kameltour ausarbeiten. Im sogenannten Campingplatz wird für mich unter Dattelpalmen ein einsames Zelt aufgebaut, das Quartier für die heutige Nacht. Auf meinem Rundgang durch den Ort muss ich mich immer wieder durch eine aufdringliche Kinderschar kämpfen. Vom Djebel, dem Hügel neben der Stadt, beobachte ich einen unspektakulären Sonnenuntergang. Der Reißverschluss von meinem Zelt ist defekt und ich überlege schon, ob ich das mitgeführtes Moskitonetz aufspannen soll, lasse es dann doch bleiben und genieße eine ruhige Nacht unter den Palmen, deren Blätter mich sanft unter einer kleinen Briese schaukelnd in den Schlaf wiegen.