Der Weg – Tag 7: Zurück in der „Zivilisation“

30.10. 2001: Heute erlaube ich mir mit dem erstaunlich großen Rest an Mineralwasser eine große Morgentoilette. Nach dem letzten gemeinsamen Frühstück brechen wir auf in Richtung Camp am Rande der Stadt M’hammid welches wir in einer knappen Stunde erreichen.

Barik spielt auf seiner aus einem Motorenölkanister gebastelten Gitarre ein Abschiedslied für mich. Ein Peugeot-Taxi wartet auf mich. Durch das Draa-Tal mit seinen Dattelpalmen, so grün als hätte es erst kürzlich geregnet (dabei ist der Regen schon seit Jahren ausgefallen) geht es flott zurück nach Zagora. Der Siebensitzer füllt sich, zeitweise sind neun Erwachsene plus einige Kinder im Auto – Vorgeschmack auf Schwarzafrika. Ein Mädchen kotzt in eine Plastiktüte. Im Laden hole ich meinen schweren Rucksack ab und ein junger Mann bringt mich mit seinem klapprigen Kleinwagen zum Busbahnhof. Während ich auf den Bus warte genieße ich den Blick auf das Gewusel um mich herum, besonders beeindruckt bin ich von den schlank gewachsenen Berberfrauen  in ihren schwarzen Umhängen. Meine Rückenschmerzen sind wie weggeblasen. Bald ist der Bus bis auf den letzten Platz besetzt und die Reise kann beginnen. Neben mir sitzt ein französisches Ehepaar mit zwei kleinen Mädchen. So weit das Auge reicht reihen sich die Dattelpalmen dazwischen erheben sich mächtige Kasbahs und Lehmdörfer sind in Täler eingebettet. Die Lehmbauten erfordern einen enormen Aufwand, müssen permanent gepflegt und ausgebessert werden. Das Sammeltaxi entlässt mich in Ouarzazate vor dem Hotel Royal und ich bekomme wieder das gleiche Zimmer wie vor einigen Tagen. Die ehemalige Kasbah Tifoultoute auf einem Hügel am Rande der Stadt zu der ich spaziere ist mittlerweile ein vornehmes Hotel. Auch hier wurden Szenen für „Lawrence von Arabien“ gedreht. Als ich zu meinem Hotel zurück gehe ist es bereits stockdunkel. Der Vollmond lugt nur selten hinter den Wolken hervor. Im angesagten Hotel El Salam gönne ich mir ein hervorragendes Dinner mit viel Salat.    

Ich möchte diesen Abschnitt nicht ohne einen Blick in mein Buch schließen:

„….Ist es mir auch verwehrt, mit einer Karawane nach Timbuktu zu ziehen, so möchte ich hier am „Tor zur Wüste“ dem Mysterium Sahara wenigstens etwas näherkommen. In der etwa 100 km entfernten Ortschaft M’hammid will ich mir Kamel und Führer suchen. Dort beginnt die ursprüngliche Sahara. In einem Berbercamp, einer Ansammlung großer Stoffzelte am Rande der Kleinstadt, treffe ich Barik, einen 23jährigen im Outfit der „Blauen Männer der Wüste“. Er ist bereit, mit mir einen dreitägigen Wüstentrip zu unternehmen. So trotten wir gemeinsam mit dem Dromedarbullen Hassan hinaus in die Dünenlandschaft einer der größten Sandwüsten der Welt. Diese Tage unter der glühenden Sonne Afrikas werden mir immer im Gedächtnis bleiben. Barik, Hassan und ich begegnen tagelang keinem einzigen Menschen. Wir sprechen nicht viel. Mittags rasten wir im Schatten einer Düne, nachts ruhen wir  in einer Stille, die so tief ist wie der Himmel weit. Die silberne Mondscheibe, das Funkeln der Sterne. Schritt für Schritt ziehen wir in die Unendlichkeit, und doch sind wir ganz bei uns….“ Wolfgang Stoephasius: In siebzig Jahren um die Welt. Der meistgereiste Deutsche erzählt seine größten Abenteuer ©2016 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Der Weg – Tag 6: Die große Freiheit des Nomaden

Montag, 29.10. 2001: Auf der mitgeführten vom Camp zur Verfügung gestellten Matratze und im warmen Schlafsack habe ich hervorragend geschlafen. Mein erster Weg führt auf die nächstgelegene Düne, um den Sonnenaufgang zu schauen, der aber quasi nicht stattfindet. Die weiße Scheibe am Horizont löst sich völlig unspektakulär aus dem Dunst. Ich bin mit Rückenschmerzen und einer hartnäckigen Bronchitis von München losgereist. Gegen die Schmerzen, die einfach nicht weichen wollen, schmeiße ich mir nun eine Diclofenac ein und die trockene Luft hat den Husten förmlich weggeblasen. Nach einer absoluten Katzenwäsche mit Feuchttüchern setzte ich mich zu Barik, der inzwischen das Frühstück zubereitet hat. Er ist zur Freude unseres Dromedarbullen Hasan kaum etwas, denn dieser bekommt das restliche Brot ab. Das Beladen erträgt er kommentarlos, beim Aufstehen kommt dann der Protest in Form des obligatorischen Grunzens.

Begleitet von lästigen Fliegen marschieren wir durch eine flache von Vulkangestein bedeckte Ebene. Schließlich erreichen wir eine Dünenlandschaft über welche jedes Jahr die Rallye Dakar führt. Einige Jahre später, 2008, wird sie wegen Terrorgefahr abgesagt und ab 2009 in Südamerika abgehalten.

Wir bleiben bei einem Kamelgerippe stehen und lassen uns hinter einer Erhebung zur Mittagspause nieder.

Es gibt wieder diesen schmackhaften Salat, den ich schon vom Vortag kenne. Während der Siesta schaue ich einem kleinen schwarzen Vogel mit weißem „Hut“ und weißen Schwanzfedern zu, der um uns herumschwirrt. In einer Palmoase haben Männer in blauen Gewändern ihr Lager aufgeschlagen.

Die Sonne brennt auf uns herab und ich bin froh, dass wir bald unser Lager aufschlagen. Barik bereitet Tajine, das klassische marokkanische Eintopfgericht zu, während ich mich mit dem mitgeführten Mineralwasser dusche und Tagebuch schreibe. Bald nach Sonnenuntergang löscht er die Gaslampe und ein dreiviertel voller  Halbmond erhebt sich über uns. Ich dämmere im Halbschlaf hinüber in das Land der Träume. Als ich mitten in der Nacht aufwache, ist der Mond verschwunden und ein glitzerndes Firmament erhebt sich über mir. Dieser Blick in ein Meer blinkender Sterne ist nur ein winziger Ausschnitt unseres Universums, nach den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen eines von vielen. Wie viele Planeten, die unserer Erde ähnlich sind, wird es da draußen geben. Ob es dort, entfernt in Millionen von Lichtjahren, noch Leben gibt? Und da draußen soll es einen Gott geben, der sich persönlich um mich kümmert? Für mich erscheint es absurd,   dass unser winziges Menschen-Hirnlein das Wunder von Universum und Schöpfung ergründen kann, dass Religion nur ein Erklärungsversuch sein kann. Ich gebe mich diesen Gedanken hin und dämmere dem Morgen entgegen.

Der Weg – Tag 5: Ein Führer, ein Kamel und ich

Sonntag, 28.10. 2001: Trotz des halb offenen Zeltes schlafe ich himmlisch und werde nur kurz vom Ruf des Muezzins geweckt, schlummere weiter. Nach 6:30 Uhr schäle ich mich aus dem Schlafsack, mache am Brunnen Morgentoilette und packe den Bedarf für die nächsten Tage in den kleinen Rucksack. In der Nacht habe ich zwei Nachbarn bekommen, Franzosen mit einem Allradfahrzeug. Sie wollen sich in Agadir mit einer Gruppe treffen und weiter nach Mauretanien. In dem kleinen Cafe an der Straßenkreuzung nehme ich ein kleines Frühstück mit Baguette, Butter, Marmelade und Milchkaffee. Der große Rucksack bleibt im Souvenirladen. Die Leute vom Laden halten ein Grand Taxi an und schicken mich auf den Weg nach M’hamid, eine kleine etwa 100 km entfernte Oasenstadt. Bei einem Stopp in dem Städtchen Tagounite kaufe ich mir eine Palette Wasser. Der Fahrer füllt auf archaische Art aus einem Fass Öl nach. War ich zunächst alleine im Fahrzeug, kommen nun weitere Fahrgäste hinzu, einige im westlichen Outfit, andere in der Djellaba, dem Nationalgewand der Berber. Der Mercedes  wird durch Kurzschließen der Kabel gestartet. Kurz vor M’hamid ist ein Kamelcamp.

Dort steige ich aus dem Wagen und werde von Barik, meinem  freundlichen 24-jährigen Führer für die kommenden Tage erwartet. Er spricht ganz gut französisch und „In Schallah“. Ab heute heiße ich Ali.

Hassan, der Kamelbulle wird beladen, meine Uhr verschwindet im Rucksack, nun lebe ich nach dem Stand der Sonne. Unter leichtem Protest erhebt sich Hassan und wir ziehen los.

Nach vielleicht eineinhalb stündiger Wanderung rasten wir im Schatten einer Düne. Rasch ist Hassan abgeladen. Barik geht übrigens sehr einfühlsam mit dem Tier um. Zum Lunch gibt es einen schmackhaften Salat aus Oliven, Paprika. Gurken und Tomaten, dazu Fladenbrot und Pfefferminztee, der mehrmals zwischen Kanne und Tasse hin und her geschüttet wird. Nach einer längeren Siesta wird Hassan wieder beladen und gibt beim Aufstehen durch beleidigtes Grunzen zu verstehen, dass er eigentlich gar keine Lust hat weiterzuziehen. Die Sonne wirft schon lange Schatten, als wir weiter durch die einsame Dünenlandschaft wandern. Zweimal begegnen wir Beduinen auf ihren Kamelen. Barik läuft barfuß auf dem steinigen Boden. Ich bin froh, dass ich die festen Turnschuhe anhabe. Zwischen Dünen wird das Nachtlager aufgeschlagen. Zum Sonnenuntergang steige ich auf eine Düne. Die Sonne verschwindet völlig unromantisch als gleißende Scheibe im Dunst des Horizontes. Inzwischen bereitet Barik auf dem Gaskocher den traditionellen Tee zu und summt als ich zurück bin mit erstaunlich guter Stimme „Ali wird Inschallah gut in Timbuktu ankommen“. Er serviert schmackhaften Couscous, isst selbst sehr wenig. Den Rest des Mahles bekommt Hassan. Ich rolle mich bald in meinen Schlafsack, schlafe wie ein Baby auf der kuscheligen Matratze, welche zu Hassans Gepäck gehört, unter einem strahlenden Sternenhimmel, so wie ihn nur die Nächte der Wüste kennen.

Der Weg – Tag 4: Zagora – das Schild

Samstag, 27.10. 2001: Es ist noch tiefe Nacht, als ich aus dem Haus gehe, schleppe mich mit meinem eigentlich viel zu schweren Rucksack ab. Der CTM-Bus soll angeblich um 4:30 Uhr abfahren. Ich stehe mutterseelenalleine am gare routière, fühle mich verloren. Aber tatsächlich rollt der bereits gut besetzte Bus kurz nach Halb ein. Ich döse vor mich hin, als der Bus durch die Ausläufer des Djebel Sarko rollt. Bei der „roten Stadt“ Agdz geht die Dämmerung in den Tag über. Als wir durch das Draa-Tal mit seinen grünen Dattelpalm-Plantagen fahren, bin ich endgültig wach. Es hat in der Gegend bereits seit vier Jahren nicht mehr geregnet, erzählt mir mein Sitznachbar. Für mich grenzt es an ein Wunder, dass die Palmenhaine noch so saftig grün scheinen: die traditionelle Bewässerungstechnik funktioniert beeindruckend. Nach dreistündiger Fahrt rollt der Bus in der Kleinstadt Zagora ein.

Mir fällt ein einsamer Mann auf der ständig mit seinen Händen vor seinem Gesicht herumfuchtelt. Ein Verrückter? Als ich aus dem Bus steige, kenne ich den Grund und fange auch an, um mich zu schlagen, tausende von Fliegen stürzen sich auf ihre Opfer. Meiner Recherchen im Internet haben ergeben, dass in diesem Ort noch immer das Schild aus den Träumen meiner Kindheit steht. Ich stelle den Rucksack in einem Souvenirladen unter und mache mich zunächst auf Orientierungsrundgang, wie von Geisterhand weggewischt, sind die Fliegen verschwunden. Vor der Polizeistation steht tatsächlich das Schild „Tombouctou 52 Jours“.

Wie lange werde ich wohl für die Reise brauchen? Wenn ich auch nicht auf dem Kamel nach Timbuktu reiten kann, möchte ich zumindest von hier aus etwas vom Spirit der Wüste spüren und lasse mir von den Leuten im Laden eine dreitägige Kameltour ausarbeiten. Im sogenannten Campingplatz wird für mich unter Dattelpalmen ein einsames Zelt aufgebaut, das Quartier für die heutige Nacht. Auf meinem Rundgang durch den Ort muss ich mich immer wieder durch eine aufdringliche Kinderschar kämpfen. Vom Djebel, dem Hügel neben der Stadt, beobachte ich einen unspektakulären Sonnenuntergang. Der Reißverschluss von meinem Zelt ist defekt und ich überlege schon, ob ich das mitgeführtes Moskitonetz aufspannen soll, lasse es dann doch bleiben und genieße eine ruhige Nacht unter den Palmen, deren Blätter mich sanft unter einer kleinen Briese schaukelnd in den Schlaf wiegen.

Der Weg –Tag 3: Über den Hohen Atlas und Begegnung mit dem Schlangenbeschwörer

Freitag, 26.10. 2001: Irgendwelche Nachbarn sind irre laut, so dass ich schon vor dem Ruf des Muezzin wach bin. In Ruhe richte ich mein Gepäck her, frühstücke gemütlich im ersten Stock meines persönlichen Lieblingsrestaurants, dem „Toubkal“. Mit dem preiswerten Petit Taxi, einem beigefarbenen Kleinwagen, der maximal drei Passagiere befördert, geht es zum Busbahnhof, dem Gare routière. Es bleibt mir gerade mal eine halbe Stunde Zeit und um 9:30 Uhr rollt der MAN-Bus von Prince Tours aus der Stadt. Im vollen Bus sitzt ein dünnes altes Männlein neben mir. Das ist mir lieber, als ein dicker Geschäftsmann. Die Straße windet sich durch braune Landschaft hinauf zu den Pässen des Hohen Atlas. In Taddert, nicht weit unterhalb des Tizi n‘ Tichka Passes ist Mittagspause. Ich begnüge mich mit einem  Glas von dem köstlichen grünen Tee mit frischer Minze, dem thé à la menthe. Bald sind die 2260 Meter erklommen und es geht flott bergab. Wir passieren ein breites Eingangstor und bereits um 14 Uhr sind wir am Busbahnhof von Ouarzazate der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

Nun heißt es erst einmal den Schleppern zu entkommen und mit dem Petit Taxi geht es zum Hotel Royal. Für das winzige Zimmer zahle ich ebenso winzige 7 Mark. Die Toilette ist zwar auf dem Gang, hat aber sogar eine europäische Sitz-Toilettenschüssel. Ich habe den ganzen Nachmittag Zeit und ich leiste mir den Luxus für umgerechnet 40 Mark ein Grand-Taxi, eine siebensitzige Mercedes-Limousine zu chartern. Wir passieren die kitschigen Atlas Filmstudios. An einer Straßenkreuzung winkt ein älterer Mann.

Hierzu ein Blick in mein Buch:„Mein Ziel aber sind die Wüsten Afrikas. Mit dem Bus geht es auf kurvenreicher Straße über den Atlas, hinüber nach Quarzazate, einen Dreh- und Angelpunkt im Land der Oasen, dem Draa-Tal. Etwa 25 Kilometer entfernt liegt ein befestigtes Wehrdorf aus Lehm, die Kasbah Ait Benhaddou, welche vielen berühmten Filmen, so auch „Lawrence von Arabien“,  als Kulisse gedient hat. Um dorthin zu kommen, muss ich mir ein Taxi mieten. Diese großen Mercedes-Limousinen verkehren normalerweise als Sammeltaxis. So ist es kein Wunder, dass ein älterer Berber an einer Straßenkreuzung versucht den Wagen anzuhalten. Der Fahrer macht Anstalten, weiterzufahren, da ich den vollen Preis bezahle. Ich bitte ihn, anzuhalten, und der Mann nimmt dankbar auf der Rückbank Platz, einen runden Bastkorb auf den Knien. Ich meine, ein Geräusch zu hören, eine Bewegung, ein Rascheln, und wende mich um. Der Taxifahrer übersetzt meine Frage: Ob ich wissen dürfe, was sich in dem Korb befinde. Das Lächeln des Berbers hat etwas Schelmisches.

„Eine Kobra“, übersetzt der Fahrer seine Erwiderung. „Dieser Mann hier ist Schlangenbeschwörer.“ Als der Alte sich anschickt, den Deckel anzuheben, bedeute ich höflich, das sei nicht nötig.

Gegenüber der Kasbah, einer mächtigen Burganlage, steigen  wir aus – und der freundliche Alte gibt mir als Geste der Dankbarkeit eine Privatvorstellung. Er lässt die mächtige Kobra aus ihrem Korb gleiten und diese bewegt sich tänzelnd zum Klang der Flöte. Ich genieße das Schauspiel und vertreibe mir so die Zeit, bis die letzte Touristengruppe aus der Lehmstadt heruntergestiegen ist. Im Licht der untergehenden Sonne spaziere ich alleine durch die engen Gassen, plaudere mit Händlern, trinke mit ihnen Tee. Nun ist auch meine Seele in Afrika angekommen.

Erst viel später lese ich, anders als in Indien und Asien gelte es in Nordafrika bis heute als verfemt, Kobras den Giftzahn zu entfernen. Dort gehöre es zum Berufsethos vieler Beduinen, mit dem Tod in Händen zu leben. Ich denke an das wettergegerbte, von tiefen Falten durchzogene Gesicht des  Beduinen. Man sagt, der Tod habe viele Gesichter. Dieses hat mir gefallen.“          Wolfgang Stoephasius: In siebzig Jahren um die Welt. Der meistgereiste Deutsche erzählt seine größten Abenteuer ©2016 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Die Szene mit dem Schlangenbeschwörer spielt sich vor einem Cafe ab. Auf der anderen Seite einer Talsenke liegt die malerische Kasbah Ait Benhaddou. Plötzlich öffnet sich die Tür des Lokals und eine Horde Touristen drängt sich heraus, Kurs Kasbah. Den Reisebus hinter dem Lokal habe ich übersehen. So „fliehe“ ich erst mal in das Lokal und lege ein spätes Mittagessen mit Omelette, Brot und Wasser ein. Zur Tür kommt ein holländisches Pärchen herein. Jeanette und Will waren in der Kasbah und sind vor Begeisterung hin und weg. Sie sind auch auf dem Weg nach Timbuktu, haben aber noch kein Visum für Mauretanien. Ob ich sie auf der Reise noch einmal treffen werde? Die Touris kommen zurück und mit Beginn der Dämmerung laufe ich hinüber in das pittoreske Lehmdorf, steige hinauf zum höchsten Punkt. Die Dorfbewohner grüßen freundlich, laden mich zum Tee ein. Als ich zurück komme, spendiert mir ein Händler ein Glas echten Whiskey. Der Ort gehört nun mir alleine.

Als es stockdunkel ist, besteige ich das Taxi, der Fahrer hat geduldig gewartet. Vor dem Zu-Bett-Gehen gibt es noch ein Grillhendl in einem Straßencafe in der Nähe meiner Unterkunft. Gute Nacht, morgen muss ich wieder früh raus. Der Bus für die nächste Reiseetappe geht um 04:30 Uhr.

Der Weg – Tag 2: Marrakesch – Tor nach Afrika

25. Oktober 2001: Eigentlich habe ich in dem fensterlosen Raum recht gut geschlafen. Wegen des Zeitunterschiedes bin ich aber ziemlich zeitig wach. Am frühen Morgen spaziere ich durch den noch leeren Souk. In einer Bäckerei hole ich mir warme Schoko-Croissants und setzte mich in ein Straßencafe, bestelle Milchkaffee. In der Morgensonne leuchtet das Minarett der Koutoubia-Moschee, das wohl perfekteste islamische Bauwerk in Afrika.

Bettler sind etliche anzutreffen, sie halten sich aber bescheiden zurück. Überhaupt ist die Armut spürbar: Zigaretten werden stückweise verkauft, ein Gradmesser wie es um die Armut in einem Land bestellt ist. Eine alte Frau sucht in Abfallresten nach Essbarem. Die Frauen, welchen ich begegne, zeigen sich im verschiedensten Outfit: von tief verschleiert bis sexy in hautengen Jeans. Ein Land im Umbruch!

Auf dem Weg zu den Saaditegräbern trinke ich einen hervorragenden Pfefferminztee, das marokkanische Nationalgetränk. Ich führe Smalltalks mit freundlichen Nachbarn und habe überhaupt das Gefühl, dass die Menschen dem Fremden aufgeschlossen begegnen. Sie wirken ruhig und aufgeräumt, in sich selbst ruhend. Auch der Verkehr läuft geruhsam, es wird kaum gehupt.  Auf einem Bab – einem der zahlreichen Türme – sitzen Störche.

Bei den historischen Saaditengräbern treffe ich zwei bayerische Burschen.

Die jungen Männer haben in Agadir einen Wagen gemietet und nehmen mich freundlicherweise mit zu den Gerbern am Rande der Stadt. Unvorstellbar unter  welch unwürdigen Bedingungen die Männer in der Chemiekloake werkeln.

Im angesagten Terrassenlokal Toubkal mit grandiosem Blick  auf die Media esse ich mittags nur Joghurt mit Brot und spaziere dann durch den  inzwischen betriebsamen Souk. Ich traue mich in das luxuriöse Hotel La Mamounia und raste im dortigen Garten unter alten Ölbäumen.

Nun kenne ich die Preise und habe kein Problem, ein Taxi zum Jardin Menara zu nehmen. In dem  für die Öffentlichkeit zugänglichen wunderschönen Park gruppieren sich um einen großen künstlichen See Olivenhaine. Leider liegen die Gipfel des Atlas, die man von hier aus sehen könnte, im Dunst.

Zurück in der Stadt beobachte ich, wie am Platz der Gaukler die Essenstände aufgebaut werden.

Hier ein Blick in mein Buch:

„Als die Lunge der Stadt“ bezeichnen die Bewohner den „Place Djeema El Fna“ am Rande der Altstadt – ein zunächst irreführender Begriff. Düfte, Dünste, Rauch und Qualm von Grillfeuern. Trommeln und Lauten, der durchdringende Klang der Mizmar, einem Holzblasinstrument, begleitet das Spiel von Gauklern und Schaustellern. Schlangenbeschwörer locken Kobras aus Bastkörben, schlafwandlerisch drehen sich die Tiere zum Klang der Flöten. Erzähler lassen die Märchen des Maghreb lebendig werden. Dies ist genau der richtige Ort, um dem Neuankömmling die ersten Eindrücke vom Zauber Afrikas zu vermitteln. War ich wirklich vor zwei Tagen noch im Münchner Hofbräuhaus?“ ©2016 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin.

Den Sonnenuntergang erlebe ich von der Terrasse der angesagten Brasserie du Glacier.

Nach einem wohlschmeckenden Coscous im Toubkal mache ich mich auf zu einem abendlichen Spaziergang durch die Medina mit den vielen hart arbeitenden Handwerkern. Anschließend besuche ich noch einen Barbier und lasse mich rasieren. Als ich aus dem Laden heraustrete, spricht mich ein Typ auf Englisch an. Er habe mich im Hotel „Sowieso“ getroffen und freue sich, mich wieder zusehen.  Es ist einer der üblichen Anmachetricks und ich erkläre ihm in ruhigem Ton, dass ich ihn nicht kenne und auch nicht kennenlernen möchte. Als ich mich abwende, murmelt er mir irgendetwas von „Rassist“ hinterher.

Ich träume dem nächsten Morgen entgegen: Es geht weiter in Richtung Süden.

 

Der Weg – Tag 1: München – Marrakesch

24. Oktober 2001: Mein Rucksack wiegt 18 kg. Die Reise kann beginnen. Trotz der erhöhten Sicherheitslage sind die Kontrollen in München und Brüssel nicht schärfer als zuvor. Mit einem durch Meilensammeln erworbenem Freiflugticket von Sabena geht es von München über Brüssel nach Casablanca. Der Flieger von Belgien nach Marokko ist schwach besetzt. Die Uhr wird zwei Stunden zurück gestellt und um 11 Uhr bin ich am Ziel. Nach der lockeren Einreisekontrolle finde ich gleich den Vorortzug zum Bahnhof Casa-Voyageurs. Dort besorge ich mir die Fahrkarte nach Marrakesch und setze mich bis zur Abfahrt des Zuges in den Schatten des offenen Bahnhofs-Cafés und lasse mir den ersten Whiskey Marocaine, den süßen Pfefferminztee, schmecken. Um 14 Uhr verlässt der Zug den Bahnhof und ich teile mir das geräumige Abteil mit einer vornehmen Dame in einer kunstvoll gearbeiteten braunen „djellaba marocaine“, dem langen Gewand mit Kapuze. Sie trägt kein Kopftuch. Der Zug verlässt die Ebene und diese geht in braunes Hügelland über, durchquert von Zeit zu Zeit kleine Oasen mit Olivenbäumen, Gemüsefeldern, Kakteen und Palmenhainen. In einem Kaff, welches an eine Kleinstadt im Wilden Westen erinnert, bleibt der Express länger stehen. Im Dunst ist in der Ferne das Atlas-Gebirge zu erkennen. Wie so oft am Beginn einer Reise falle ich am Bahnhof von Marrakesch einem dieser auf der ganzen Welt anzutreffenden Taxi-Mafiosi in die Hände und bezahle für die Fahrt in die Altstadt umgerechnet 30 DM. Dafür kostet die Übernachtung im sauberen und ruhigen Hotel Medina lediglich 10 Mark. Die Unterkunft liegt ganz in der Nähe der „Place Djeema El Faa“  mit den Gauklern, Schlangenbeschwörern, Akrobaten und Märchenerzählern, genau der richtige Ort, um dem Neuankömmling die ersten Eindrücke vom Zauber Afrikas zu vermitteln. Nirgends auf der Welt gibt es einen besseren frisch gepressten Orangensaft.

Es ist immer noch unfassbar, wie schnell dank moderner Technik der Körper von einem Kulturkreis in den anderen transportiert wird. Ich spaziere bis tief in die Nacht durch die Gassen der Medina, bis ich todmüde in das Hotelbett falle.

Der Weg ist das Ziel

Liebe Follower, nach einer längeren Blogabstinenz melde ich mich zurück und will euch mein neues Projekt vorstellen. Alle meine Reisen standen immer unter dem Motto „Der Weg ist das Ziel“. Im meinem  Buch „In 70 Jahren um die Welt“ (Ullstein) gibt es ein Kapitel „Der Weg nach Timbuktu“ (S. 72 ff). Diesen Weg wollen wir nun gemeinsam gehen.

Im Alter von vielleicht zehn Jahren  fiel mir ein Sammelbildchen in die Hände, welches mich mein gesamtes Globetrotterleben lang nicht loslassen sollte. Es zeigte kamelreitende Männer mit Turbanen auf dem Kopf und die Inschrift lautete: „52 Tage nach Timbuktu“. Ich nahm meinen Schulatlas zur Hand und suchte diese geheimnisvolle Stadt. Sie lag irgendwo in Afrika. Mein kleiner Zeigefinger glitt über die Karte und sondierte den günstigsten Weg nach dem Schwarzen Kontinent – bei der Straße von Gibraltar verharrte er. Das musste doch zu machen sein – per Anhalter oder mit dem Fahrrad versteht sich. Es sollte noch lange dauern, bis meine Füße die Sandstraßen der Wüstenstadt betraten. Als am 1. September 2001 mein Pensionistendasein begann, fing ich an zu planen. Am 24. Oktober sollte es losgehen aber dann kam der 11. September. Sollten meine Pläne zerplatzen?

Die USA hatten die muslimische Welt zum Feind erklärt und meine Reise führte durch islamische Länder.

Ratet mal, ob ich die Reise angetreten habe?