Russland – Von der Ostsee an das Kaspische und Asowsche Meer (Schluss)

Teil 7: An die Wolga- und Don-Mündungen am Kaspischen und Asowschen Meer.

Unter blauem Himmel geht es in Steppenlandschaft wolgaabwärts.

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Wolgaufer © Wolfgang Stoephasius

Bei einem Vortrag wird uns unter anderen klar, dass die Arbeitslosenunterstützung ca. 20 Euro im Monat beträgt, die Durchschnittsrente unter 200 Euro liegt und ein Arbeiter um die 300 Euro verdient und die Inflation auf 12 Prozent geschätzt wird. Die Landwirtschaft wurde in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt. Nachts steckt unser Schiff im Nebel fest und wir können erst gegen 8 Uhr wieder Fahrt aufnehmen, das heißt wir werden Astrachan mit Verspätung erreichen. Schließlich kommt die Sonne heraus und es wird richtig warm. Die Rundfahrt durch das „Venedig an der Wolga“ beginnt. Die 500000-Einwohnerstadt ist wie auch die Städte vorher multikulturell, überwiegend natürlich orthodoxe Russen, aber natürlich auch Muslime und ein kleiner Prozentsatz buddhistischer Kalmüken.

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Astrachan: Schulkinder © Wolfgang Stoephasius

Wir spazieren durch den Kreml mit der wunderschönen Maria-Entschlafens-Kathedrale und der kuppelbedachten Dreifaltigkeitskirche.

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Astrachan: Dreifaltigkeitskirche © Wolfgang Stoephasius

Wir besuchen den gut sortierten Fischmarkt, der Kaviar ist allerdings für uns unerschwinglich. Alles ist sauber angerichtet, die Verkäuferinnen sind durchweg freundlich. Auf dem Weg zum daneben liegenden Supermarkt treffen wir auf einige Bettlerinnen. Hier berechnet uns die nette junge Verkäuferin für den köstlichen frischen Melonensaft einen Sonderpreis.

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Astrachan: Fischmarkt © Wolfgang Stoephasius

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Astrachan: Fischmarkt © Wolfgang Stoephasius

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Astrachan: Fischmarkt © Wolfgang Stoephasius

In der Nähe des Anlegers sitzen Fischer. Nach dem kurzen Mittagessen beginnt die Fahrt Richtung Wolgadelta. Der Fahrer verliert die Orientierung und es sieht danach aus, dass wir unverrichteter Dinge zum Schiff zurück müssen. Schließlich geht es dann doch auf miserabler Straße weiter.

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Donaudelta: Miserable Straße © Wolfgang Stoephasius

Wir werden in Sechsergruppen auf kleine Motorboote verteilt und es geht durch schilfbestandene Wasserstraßen.

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Donaudelta: Wasserstraße © Wolfgang Stoephasius

Schließlich kommen wir zu einem großen Lotusfeld, die Kapseln sind noch vorhanden, die Blüten natürlich weg.

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Donaudelta: Abgeblühter Lotus © Wolfgang Stoephasius

Es wird saukalt. Am Anleger werden wir mit Wodka und Gurken begrüßt. Mit einstündiger Verspätung kommen wir zum Schiff, welches gleich ablegt. In der Nacht wird es im Zimmer eisig kalt, draußen tobt der Wind, die Heizung wärmt nur die Füße. Am folgenden Tag folgt unser Schiff nun wieder der Wolga in entgegengesetzter Richtung.

Nach dem Ausflug zum Soldatenfriedhof und dem Besuch des Kellers in welchem Paulus kapitulierte, beginnt die Reise in Richtung Don. Als wir am Morgen aufwachen ist es saukalt unter stahlblauem Himmel und wir befinden uns auf dem 200 km langen Cimljansker Stausee, der zeitweise eine Breite von 30 Kilometern erreicht, wie haben das Gefühl auf dem Meer unterwegs zu sein. Am Ende des Stausees passieren wir ein Atomkraftwerk und das Schiff passiert die erste Schleuse mit einem mächtigen Triumphbogen und die Sonne geht blutrot am Horizont unter.

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Auf der Wolga: Sonnenuntergang © Wolfgang Stoephasius

Schließlich kommen wir in die zweite Schleusenkammer welche von reitenden Kosaken flankiert wird.

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Auf der Wolga: Kosakendenkmal © Wolfgang Stoephasius

Als wir am nächsten Morgen aufwachen ist dichter Nebel und das Schiff lag eine ganze Weile vor Anker. Die Sonne scheint von einem stahlblauen kalten Himmel, es ist unter 0 Grad. Nach 10 Uhr passieren wir die letzte der insgesamt 33 Schleusen auf dieser Reise. Die „Tschaikowsky“ gleitet über den Stillen Don. Schließlich erfahren wir, dass das Schiff wegen des Nebels sechs Stunden geankert hat und wir erst gegen 20 Uhr in Rostov am Don sein werden. Das schmeißt natürlich das gesamte Ausflugsprogramm durcheinander. Wir machen es uns gemütlich und machen das Beste daraus, schauen auf den ruhigen Fluss vor Steppenlandschaft. Irgendwann geht die Sonne in einem milchigen Himmel unter.

Das Schiff macht dann doch so gegen 19:30 Uhr in Rostov fest. Luftballons künden davon, dass für die Besatzung eine lange Reise zu Ende ist. Das Schiff ist im Frühjahr in Richtung St. Petersburg gestartet, während des Sommers zwischen dem ehemaligen Leningrad und Moskau gependelt. Nun sind sie wieder daheim und werden freudig von ihren Lieben in die Arme genommen.

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Rostov: Empfang der Besatzung © Wolfgang Stoephasius

Gleich nach dem Abendessen gehen wir zu den Bussen zur letzten Stadtrundfahrt, sozusagen „Rostov by Night“. Die Stadt war im Krieg durch die Deutschen zweimal okkupiert worden und völlig zerstört. Es ist eine moderne Stadt mit breiten Boulevards und vielen Parks geworden. Im Armenischen Viertel steht eine Skulptur von Karl Marx an der Stelle, welche vor der Sowjetzeit von Katharina der Großen belegt war. Nach der Wende ist ein Streit entstanden, ob die Katharina wieder aufgestellt werden soll. Sie hatte 10 000 Armenier von der Krim hierher geholt. Von den 1.1 Millionen Einwohnern haben immer noch an die 50 000 armenische Wurzeln. Sie haben das Modell der Kaiserin gießen lassen und hätten diese gerne wieder hier. Die Mehrheit der Bevölkerung möchte aber den Marx behalten. Die Aufstellung beider Figuren kommt für keine der Konfliktparteien in Frage, eine Posse. Bei einem kurzen Halt sehen wir ein schön beleuchtetes Kaufhaus und schauen in ein malerisches Cafe.

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Rostov: Kaufhaus © Wolfgang Stoephasius

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Rostov: Cafe © Wolfgang Stoephasius

Bei einer lustigen Figur werden wir von jungen Russen freundlich begrüßt. Sie halten die Gruppe erst für Spanier, als ich ihnen „Germania“ zurufe, sind sie ganz aus dem Häuschen und wir werden freundlich umarmt, einer sagt „Stille Nacht“.

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Rostov: Kosakenkaufmann © Wolfgang Stoephasius

Zurück auf dem Schiff gehen wir noch kurz in den Supermarkt am Anleger und holen uns ein Bier als Schlummertrunk, richten in der Kabine unsere Koffer. Nach 4894 Kilometern sind wir am Ziel. Über Moskau fliegen wir am nächsten Morgen zurück nach München, es ist der 12. Oktober 2015.

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Flug über die Weiten Russlands © Wolfgang Stoephasius

Russland – Von der Ostsee an das Kaspische und Asowsche Meer (6)

Teil 6: „Stalingrad“: Bittere Erinnerungen an den „Großen Vaterländischen Krieg“.

Bei wunderschönem Wetter laufen wir in Wolgograd ein. Der Bus bringt uns zum Platz der gefallenen Helden.

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Wolgograd: Heldenplatz © Wolfgang Stoephasius

Hier halten Schüler in historischen Uniformen die Ehrenwache.

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Wolgograd: Heldenplatz © Wolfgang Stoephasius

Als Jelzin 1991 die militärische Einheit abzog, übernahmen Schüler diese Funktion.

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Wolgograd: Heldenplatz © Wolfgang Stoephasius

Beim Angriff der Wehrmacht am 23. August 1942 lebten 700 000 Zivilisten in der Stadt, auf Stalins Befehl durften sie nicht evakuiert werden, das sollte die Moral der Truppe stärken. Etwa 200000 Zivilisten kamen um, sie sind erfroren, verhungert, sind im Kugelhagel gefallen. Zwei Millionen Soldaten nahmen an der Schlacht teil, 25 000 Geschütze, mehrere tausend Kampfflugzeuge und 2000 Panzer. Am 30. Januar 1943 als die Schlacht für die Deutschen endgültig verloren war, ernannte Hitler den kommandierenden General Paulus zum Generalfeldmarschall, die unverblümte Aufforderung Selbstmord zu begehen, an die sich der Kommandant allerdings nicht hielt.

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Portrait General Paulus

Paulus kapitulierte am 31. Januar im Keller eines Kaufhauses. Zuletzt betrug die Tagesration eines Soldaten zwei Scheiben Brot und das bei eisigen Temperaturen. 300 000 Soldaten hatte die 6. Armee, zwei Drittel wurden während der Kämpfe getötet, 90 000 gerieten in Gefangenschaft, nur rund 5000 von ihnen kehrten heim. 700 000 sowjetische Soldaten sind bei der Schlacht um Stalingrad gefallen. Ein Wahnsinn! Die Stadt war völlig zerstört. 1961 wurde Stalingrad zu Wolgograd und heute leben wieder über 1 Millionen Menschen hier. Von den historischen Gebäuden war nur das Dramatheater erhalten.

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Wolgograd: Dramatheater © Wolfgang Stoephasius

Wir fahren weiter zur alten Mühle, eine Ruine, die an die Vernichtung der Stadt erinnern soll.

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Wolgograd: Ruinendenkmal © Wolfgang Stoephasius

Ein Brunnen, dessen Original einst vor dem Hauptbahnhof stand, zeigt tanzende Kinder um ein Krokodil (Symbol für den Sieg über das Böse). Ein Pressefoto von 1943 von dem Brunnen vor dem zerstörten Bahnhof ging um die Welt. Heute steht übrigens auch dort wieder einer Kopie, die Putin 2013 eingeweiht hat.

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Wolgograd: Brunnen © Wolfgang Stoephasius

Schließlich geht es hinauf zum Mamaev-Hügel, den Berg der während der Schlacht heiß umkämpft war. An den Hängen wurden zehntausende von Soldaten getötet, die Eroberer wechselten ständig, oft mehrmals am Tag. Im Februar 1943 war der Hügel so dicht mit Metall übersät, dass kein Gras mehr wuchs. 200 Stufen – für die 200 Tage an welchen die Schlacht tobte – führen hinauf zur „Mutter Heimat“. Am Fuß des Berges steht die mächtige Plastik „Andenken der Generationen“, einen Menschenzug welcher den Dank der Nation symbolisiert.

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Wolgograd: Andenken der Generationen © Wolfgang Stoephasius

Die mächtige Figur, welche sich schützend vor „Mutter Heimat “ aufbaut, steht unter dem Motto „Bis zum Tode stehen“.

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Wolgograd: Bis zum Tode stehen © Wolfgang Stoephasius

Ruinenmauern erinnern an die Schlacht, es erklingen Kriegslieder und Frontberichte.

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Wolgograd: Symbolische Ruinenmauern © Wolfgang Stoephasius

Ein  Teich am Heldenplatz symbolisiert die Wolga, Skulpturen sind den „Helden“ gewidmet. Eine Reliefwand zeigt das Ende der Schlacht mit Siegern und Besiegten, gefangengenommenen deutschen Soldaten:  „Ihr wolltet die Wolga sehen, wir haben euch die Gelegenheit gegeben“.

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Wolgograd: Ihr wolltet die Wolga sehen…. © Wolfgang Stoephasius

In der Ruhmeshalle sind die Namen gefallener Soldaten eingraviert, eine Hand hält die ewige Flamme, Ehrenwachen stehen stramm, es erklingt die Musik aus Schuhmanns „Träumerei“.

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Wolgograd: Ewig Flamme© Wolfgang Stoephasius

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Wolgograd: Ehrenwache © Wolfgang Stoephasius

Darüber ist der Heldenplatz mit der Skulptur „Trauernde Mutter“.

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Wolgograd: Trauernde Mutter © Wolfgang Stoephasius

Alles überragt die 86 Meter hohe Frauengestalt „Mutter Heimat ruft“, Nike die Göttin des Sieges. Allein das Schwert ist 33 Meter lang und wiegt 14 Tonnen, es ist aus Stahl und dem Schwert von Alexander Newski nachempfunden, dem tapferen Verteidiger Russlands. Ich habe es eigentlich nicht so mit Monumentalskulpturen, aber was hier von 1959 bis 1967 geschaffen wurde würdigt in ungeahnter Symbolik die 25 Millionen Toten des Sowjetvolkes, die im „Großen Vaterländischen Krieg“ gestorben sind.

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Wolgograd: Mutter Heimat ruft © Wolfgang Stoephasius

Das Schiff fährt zunächst wolgaabwärts bis Astrachan an die Mündung zum Kaspischen Meer. Die Schilderung dieses Streckenabschnittes erfolgt im Teil 7. Wir fahren  nochmals wolgaaufwärts und kommen wieder nach Wolgograd. Vom Anleger geht es mit dem Bus ostwärts hinaus aus der stark befahrenen Stadt in die umliegende Steppenlandschaft. In den Weiten um die Ortschaft Rossoschka sind bei der Schlacht um Stalingrad bis zu einer Millionen Soldaten gestorben. Am 15. Mai 1999 wurde vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge in der Nähe des Dorfes der erste deutsche Soldatenfriedhof auf russischem Boden errichtet. Inzwischen sind hier 173055 Namen verzeichnet, ungefähr die Hälfte davon sind Vermisste. Wir besuchen zunächst den kleinen russischen Friedhof.

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Soldatenfriedhof Rossoschka: russischer Friedhof © Wolfgang Stoephasius

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Soldatenfriedhof Rossoschka: russisches Grab © Wolfgang Stoephasius

Dahinter haben Frauen aus dem Dorf eine kleine Gedenkstätte errichtet, berührend ist, dass ein Mahnmal von einem deutschen und einem russischen Helm umrandet wird.

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Soldatenfriedhof Rossoschka: Denkmal der Frauen aus dem Dorf © Wolfgang Stoephasius

Auch den rumänischen Soldaten ist ein Feld mit einem Stein gewidmet.

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Soldatenfriedhof Rossoschka: rumänischer Friedhof © Wolfgang Stoephasius

Im Gegensatz zu den russischen Soldaten, die keine Blechmarken trugen, konnte bisher ungefähr die Hälfte der gestorbenen Deutschen identifiziert werden. Ihrer und den Vermissten wird auf Steinblöcken mit Namen gedacht.

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Soldatenfriedhof Rossoschka: Erinnerungsblock © Wolfgang Stoephasius

Steinerne Kreuze stehen auf einem von einer Mauer umgebenen ringförmigen Platz.

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Soldatenfriedhof Rossoschka: steinerne Kreuze © Wolfgang Stoephasius

Auf eine Initiative aus Bayern soll eine Versöhnungskapelle errichtet werden, im Moment steht nur der Grundstein vor einem römisch-katholischen und einem russisch-orthodoxen Kreuz. Die momentane politische Situation lässt fraglich erscheinen, wann weiter gebaut wird.

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Soldatenfriedhof Rossoschka: Grundstein Versöhnungskapelle © Wolfgang Stoephasius

An diesem kühlen Tag (morgens hatte es -1 Grad) können wir vielleicht ein ganz klein wenig nachvollziehen, was die Soldaten in dieser Steppe bei Temperaturen unter -30 Grad und stürmischen Winden erlebt haben. Es ist kein Wunder, dass von den 90 000 gefangenen deutschen Soldaten nur 5000 überlebt haben. Sie waren am Ende der Schlacht durch die fürchterlichen Entbehrungen bereits vom Tode gezeichnet.

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Erfrorener Soldat

Als wir zurück fahren gehen uns die einzelnen Schicksale, die hinter den Namen der oft erst 19 oder 20 Jahre alten Jungen nicht aus dem Kopf.

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Soldatenfriedhof Rossoschka: Erinnerungsstein © Wolfgang Stoephasius

Wir steigen in der Stadt aus und gehen in den Keller des Kaufhauses in welchem sich Paulus am 31. Januar 1943 ergab. Es ist hier ein kleines Museum eingerichtet. Bilder und Modelle lassen erahnen, in welchen Verhältnissen die Soldaten und Offiziere hier leben mussten.

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Wolgograd: Im Kapitulationskeller

Russland – Von der Ostsee an das Kaspische und Asowsche Meer (5)

Teil 5: Wahrzeichen der ehemaligen Sowjetunion.

Am nächsten Morgen kommen wir in das ehemalige Simbirsk, welches von Lenin in Uljanowsk umbenannte. Hier hat er als Wladimir Iljitsch Uljanowsk als Sohn eines hochgebildeten Lehrers der aus einfachen Verhältnissen kam seine Kindheit und Jugend verbracht. Wir besuchen im strömenden Regen das Haus, in welchem er aufgewachsen ist, das Haus einer gutbürgerlichen Familie.

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Haus in der Lenin seine Jugend verbrachte © Wolfgang Stoephasius

Als sein geliebter Bruder Alexander wegen eines Attentats auf den Zaren hingerichtet wurde, entwickelte er sich zum Widerstandskämpfer und aus dem gläubigen Christen wurde ein Atheist.

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Alexanders Schreibtisch © Wolfgang Stoephasius

Im Lenin-Memorial-Komplex, errichtet um das Geburtshaus, in welchem er nur kurz gelebt hat, wurde das riesige Gebäude errichtet, in welchem die Geschichte rund um Lenin und die UdSSR in Dioramen und Ausstellungsstücken dargestellt wird.

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Lenin-Memorial-Komplex © Wolfgang Stoephasius

Am nächsten Morgen legt das Schiff am Kai von Samara an, die Stadt wurde im Jahre 1935 in Kujbysevs unbenannt, weil der Kommunist Valerian Kujbysevs hier im Jahr 1917 die Sowjetmacht ausgerufen hat. Heute hat die Stadt wieder ihren ursprünglichen Namen. Es ist windig als wir von Bord gehen. Im Herbst 1941 wurden die sowjetische Regierung, ausländische Botschaften und wichtige Institutionen wie z.B. das Bolschoi-Theater in die 1000 km von Moskau entfernte Stadt verlegt, weil befürchtet wurde, dass die Wehrmacht Moskau erobern könnte.

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Hier residierte das Bolschoi-Theater während des Krieges © Wolfgang Stoephasius

In wenigen Monaten wurde in einer geheimen Aktion der Stalinbunker errichtet, der 37 m unter die Erde eingelassen wurde.

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Im Stalinbunker © Wolfgang Stoephasius

Stalin blieb allerdings in Moskau und war wahrscheinlich nie in diesem Bunker.

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Eigentlich für Stalin reserviert © Wolfgang Stoephasius

Die Stadt war bis 1991 eine verbotene Stadt, hier wurden die russischen Weltraumraketen gebaut und eine rege Kriegswaffen- und Flugzeugindustrie war angesiedelt.

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Raketendenkmal © Wolfgang Stoephasius

Die Stadt macht zum Teil einen Eindruck, der noch stark an die Sowjetunion erinnert. Allerdings soll bis 2018 viel gebaut und renoviert werden, Samara ist eine der Städte in welchen die Fußballweltmeisterschaft ausgetragen werden soll. Wir sehen die Brauerei, die einst von Alfred von Wokano, dem Österreicher, gegründet wurde und heute noch besteht, einige renovierungsbedürftige Häuser, die katholische und evangelische Kirche, Denkmäler für die gefallenen Soldaten und  die Raumfahrindustrie sowie etliche Gotteshäuser.

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Brauerei, einst von einem Österreicher gegründet © Wolfgang Stoephasius

Zum Abschluss trinke ich  mit Valery, unserem russischen Begleiter, in einer einfachen Kneipe gutes lokales Bier aus dem Plastikbecher. Aus hygienischen Gründen wäre der Ausschank in Gläsern aufwändiger und bedürfte größerer Investitionen.

Über uns ist strahlend blauer Himmel. Aber es ist kühl als wir am nächsten Morgen in Saratrov von Bord gehen. Unsere örtliche Führerin ist wieder mehr eine von dem Typ Leiertante. Saratov ist auch eine der großen Industriestädte an der Wolga und hat nahezu eine Millionen Einwohner, eine sogenannte geschlossene Stadt während der Sowjetzeit. Hier wird viele Technik produziert, insbesondere Raumfahrtechnik und Flugzeugbau ist vertreten. Wir halten am Platz mit dem Cernysewskij-Denkmal, einem berühmten Schriftsteller, der am Ende der Zarenzeit von einer besseren Welt geschrieben hat.

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Cernysewskij-Denkmal © Wolfgang Stoephasius

Das Konservatorium ist eine große Jugendstilvilla und die Kirche „Lindere meinen Kummer“ erinnert an die Basiliuskathedrale in Moskau.

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Kirche „Lindere meinen Kummer“ © Wolfgang Stoephasius

Juri Gagarin hat in der Stadt studiert und gelebt und ist nicht weit von hier in der Steppe mit seiner Raumfahrkapsel gelandet, der 1968 bei einem Testflug tödlich verunglückte Held der Sowjetunion ist in einem Relief dargestellt,

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Juri Gagarin © Wolfgang Stoephasius

Die ehemalige Deutsche Straße heißt nun Kirov-Prospekt. Hier und in der Umgebung war einst die Heimat der Wolgadeutschen, bis sie nach Sibirien und Zentralasien deportiert wurden. Wir fahren hinauf zum Kranichhügel. Hier wird der gefallenen sowjetischen Soldaten gedacht in einer monumentalen Anlage. Kraniche symbolisieren die gefallenen Rotarmisten. Mir kommt der wundervoll sensible sowjetische Film „Wenn die Kraniche ziehen“ in den Sinn.

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Kraniche – gewidmet den gefallenen Rotarmisten © Wolfgang Stoephasius

Auf Treppenabsätzen wird der Kriegsverlauf nach dem Überfall der Nazis ab 1941 bis 1945 dargestellt. Im Jahre 1943 erinnert das Wort Kursk an die Aktion „Zitadelle“, den letzten verzweifelten Angriff der Wehrmacht, bei welchem mein Vater bei Orel schwer verwundet wurde.

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Das Kriegsjahr 1943 © Wolfgang Stoephasius

Kriegsgerät aus dem „Großen Vaterländischen Krieg“ erinnert an die Verteidigung der Heimat.

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Die berüchtigte „Stalinorgel“ © Wolfgang Stoephasius

Von hier hat man einen einmaligen Blick auf die Stadt und die drei Kilometer lange Brücke, welche nach Engel’s hinüberführt, einst Hauptstadt der autonomen deutschen Wolgarepublik.

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Die Bücke nach Engel’s © Wolfgang Stoephasius

Wir stoppen beim Zirkus und kaufen in der gut aufgemachten und sortierten Markhalle mit freundlichen Händlern Trockenobst und laufen die Kirovstraße hinunter. Polizisten nehmen einen Bettler mit zu ihrem Wagen, Betteln scheint nicht erwünscht zu sein.

Russland – Von der Ostsee an das Kaspische und Asowsche Meer (4)

Teil 4: Städte, die es für Jahrzehnte  auf der Landkarte nicht gab.

Wir haben am nächsten Tag frühmorgens die Schleuse Nummer 13 durchfahren. Die „Tschaikowsky“ liegt ziemlich lange im Stausee zwischen den beiden Schleusen, bis sie mit einer Stunde Verspätung in Schleuse 15 einfährt. Obwohl wir eine Stunde später als geplant aus der Schleuse heraus kommen, erreicht das Schiff planmäßig die Stadt Nishni Novgorod, mit 1,3 Millionen Einwohnern fünftgrößte Stadt Russlands. Die Stadtführerin bringt uns erst zur bunten Maria-Geburts-Kathedrale.

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Maria-Geburtskirche in Nishni Novgorod © Wolfgang Stoephasius

Die Aufpasserin ist so verärgert über unsere Mitreisenden, die sich nicht an das Fotografierverbot halten, dass sie einfach das Licht ausschaltet, welches die üppig vergoldete Altarwand beleuchtet. Wir fahren weiter zu dem Haus in welchem eins Maxim Gorki gelebt hat. Er wurde von den Stalinisten als Volksheld verehrt, obwohl er ein kapitalistisches Leben führte. Es war seinen Romanen aus der Welt der kleinen Leute geschuldet. Zu seinen Ehren wurde die Stadt sogar 1936 in Gorki umbenannt. Um seinen Tod ranken sich Verschwörungstheorien.

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Steinplatte mit Bild von Maxim Gorki in Nishni Novgorod © Wolfgang Stoephasius

Dann fahren wir zum Kreml (das Wort kommt aus dem Türkischen und bedeutet Festung), welcher über der Stadt thront.

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Kreml in Nishni Novgorod © Wolfgang Stoephasius

Militärgerät erinnert daran, dass die Stadt einst eine Zentrum der Waffenproduktion und für Ausländer gesperrt war.

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Kremlmauer in Nishni Novgorod © Wolfgang Stoephasius

Von hier hat man einen einmaligen Blick auf die Wolga und ihren Zufluss Oka.

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Wolgablick in Nishni Novgorod © Wolfgang Stoephasius 

Wir spazieren noch durch die Haupteinkaufsstraße mit westlichen Modegeschäften und der grandiosen Staatsbank.

 

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Staatsbank in Nishni Novgorod © Wolfgang Stoephasius

Weiter geht es flussabwärts und wir kommen an der Industriestadt Kosmodemjans und der Republik Tschuwaschien vorbei.

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Kosmodemjans © Wolfgang Stoephasius

Am frühen Nachmittag passieren wir Hafenanlagen und fahren in einem großen Bogen in den Binnenhafen von Kazan ein. Unsere Führerin hat tatarische Wurzeln. Wir sind in der Hauptstadt der Republik Tatarstan, hier darf neben Russisch Tatarisch gesprochen und gelehrt werden. Neben Russen und Tataren gibt es noch viele andere ethnische Minderheiten. Die Stadt wird vom Kreml überragt und macht auf uns einen sehr schönen Eindruck. Wir schauen erst zur Peter-Paul-Kathedrale mit weißblauen Türmchen, die an Bayern erinnern.

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Peter-Paul-Kathedrale in Kazan © Wolfgang Stoephasius

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Peter-Paul-Kathedrale in Kazan © Wolfgang Stoephasius

Wir gehen durch das Kremltor, die mächtige Mauer ist weiß getüncht. Unsere Führerin erzählt uns von den Katzen aus Kazan die in St. Petersburg zur Mäusebekämpfung eingesetzt wurden.

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Die Katzen im Kreml von Kazan

Der Kreml wird von der wunderschönen Kul-Sharif-Moschee überragt, wir dürfen von der Empore in den Innenraum schauen. Bei uns daheim kann leicht der Eindruck entstehen, dass in Russland nahezu die gesamte Bevölkerung der russische-orthodoxen Religion angehört und dabei wird leicht übersehen, dass 10 Prozent der Bevölkerung Muslime sind.

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Kul-Sharif-Moschee in Kazan © Wolfgang Stoephasius

In der prächtig ausgestatteten Maria-Verkündigungskathedrale hängt eine Kopie der wundertätigen Gottesmutter von Kazan.

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Kopie der wundertätigen Gottesmutter von Kazan in der Maria-Verkündigungskathedrale

Wir sehen den schiefen Sjujumbike-Turm und den mittlerweile beleuchteten ehemaligen Gouverneurspalast.

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Sjujumbike-Turm in Kazan © Wolfgang Stoephasius

Der Tag endet mit einem Bummel durch die Fußgängerzone mit etlichen Souvenirläden.

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Fußgängerzone in Kazan © Wolfgang Stoephasius

Russland – Von der Ostsee an das Kaspische und Asowsche Meer (3)

Teil 3: Auf der Wolga.

Nachts haben wir den riesigen Rybinsker Stausee durchfahren, an dessen Ende erreicht die Wolga von Westen kommend den See, es folgt nochmals eine Schleuse und wir fahren wolggaabwärts. Nach dem Frühstück taucht am Flussufer die Stadt Tuatev auf, die an beiden Seiten des Stromes liegt und mit keiner Brücke verbunden ist, auf. Links liegt der Ortsteil Romanov.

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© Wolfgang Stoephasius

Rechts steht erhaben über dem Fluss die Auferstehungskirche mit der Erlöser Ikone, die berühmteste wundertätige Ikone des Landes.

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© Wolfgang Stoephasius

Später taucht rechts das Tolga Kloster auf in welchem seit einigen Jahren wieder Nonnen leben.

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© Wolfgang Stoephasius

Als wir in der 700 000-Einwohner-Stadt Jaroslawl von Bord gehen schüttet es. Wir steigen in die bereitstehenden Busse. Unser Guide, Deutschlehrer von Beruf, ist ein lustiger Bursche, kremlkritisch und spricht hervorragend Deutsch. Erster Stopp ist bei der malerischen Eliaskirche am Hauptplatz mit wunderschönen Fresken.

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© Wolfgang Stoephasius

Zum Abschluss singt für uns ein kleiner Männerchor.

Am ehemaligen Kreml-Platz steht eines der üblichen Kriegerdenkmäler und wir schauen auf die neue Kathedrale welche sehr aufwändig gebaut wurde.

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© Wolfgang Stoephasius

Unter uns an der Wolga liegt ein schöner Park. Im Metropolitenpalast aus dem 16. Jh. gibt es eine interessante Ikonenausstallung. Man kann hier nichts „kaufen“, das verbietet die Kirche, aber man kann eintauschen, was man gerne möchte, natürlich gegen Geldscheine.

Schließlich geht es zum mächtigen Erlöserkloster mit einem großen Glockenhaus. Im Gegensatz zum Glockenturm ist hier auch eine Kapelle untergebracht. Einige der kleinen Glocken kommen aus dem flämischen Mechelen. Davor ist ein Glockenspiel aufgebaut und für uns wird darauf gespielt (auf den Link klicken).

https://youtu.be/EbmS8qTGwr8

Früh am Morgen des nächsten Tages beginnt die Stadtrundfahrt in Kostroma. Die Stadt mit 300 000 Einwohnern war bis 1991 für Ausländer gesperrt und sie war auf Landkarten nicht zu finden. Hier wurden Raketen gebaut und Atomsprengköpfe gelagert. Die rekonstruierte Altstadt macht einen freundlichen Eindruck. Nach einer Rundfahrt geht es über die Wolga zum Ipatjew-Kloster mit der Dreifaltigkeitskathedrale, hier begann die Dynastie der Romanows.

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© Wolfgang Stoephasius

Innerhalb der Mauern steht auch das Wohnhaus der Romanows. In der Nachbarschaft sind einige nette Holzhäuschen zu finden und im Hintergrund sieht man eine Holzkirche aus dem Freilichtmuseum.

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© Wolfgang Stoephasius

Uns bleibt später Zeit zu einem Spaziergang um den zentralen Platz mit dem großen Markt, wo wir uns eine Weile umsehen. Einer alten Frau kaufen wir Salzgurken in die Hand ab. Eine der Verkäuferinnen gibt uns zu erkennen, dass sie nichts von unserer Kanzlerin hält.

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© Wolfgang Stoephasius

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© Wolfgang Stoephasius

Am Nachmittag halten wir beim malerischen Städtchen Pljos. Eine engagierte Führerin lotst uns zu einem Aussichtspunkt. Es bieten sich schöne Blicke in die Umgebung mit bunten Häuschen und Zwiebeltürmen auf orthodoxen Kirchen.

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© Wolfgang Stoephasius

Schließlich kommen wir zum Museum des berühmten Malers Isaak Lewintan, der ursprünglich aus Lettland stammte und hier viel gemalt hat. Zu unserem Erstaunen lehnt die Führerin konsequent das gebotene Trinkgeld ab.

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© Wolfgang Stoephasius

Russland – Von der Ostsee an das Kaspische und Asowsche Meer (2)

Teil 2: Auf dem Ostsee-Wolga-Kanal.

Als wir morgens aus dem Fenster schauen sind wir noch auf dem Ladoga See, dem größten Binnensee Europas, kommen aber bald in die Swir, am Ufer erstrecken sich unendlich erscheinende sich verfärbende Birkenwälder. Später passieren wir die erste Schleuse.

Schleue

© Wolfgang Stoephasius

Gegen 14 Uhr laufen wir die Ortschaft Mandrogi an. Die erste Etappe betrug 302 km. Der Ort wurde im Krieg völlig zerstört, nun ist hier ein Touristendorf entstanden. In einer Art Bierzelt gibt es eine sogenannte Schachlikparty. Der Fischspieß schmeckt recht gut, es gibt Rotwein, Plov (typisches Reisgericht) und Salat dazu, das Geschirr ist leider aus Plastik. Wir spazieren in dem Dörflein etwas herum.

Mandrogi

© Wolfgang Stoephasius

In der Nacht darauf haben wir den Onega See, zweitgrößtes Binnengewässer Europas, erreicht. Das Schiff nimmt auf dem See Kurs Nord und wir erreichen nach der 356 km langen Fahrt den nördlichsten Punkt unserer Reise, auf dem gleichen Grad wie das sibirische Kamtschatka. Als wir auf der Insel Kizi an Land gehen regnet es heftig. Ein Führer zeigt uns das Kirchenensemble mit der Sommerkirche (Christi Verkündigung) und der Winterkirche (Maria Schutz und Fürbitte).

Kirchenensemble

© Wolfgang Stoephasius

Wir schauen uns ein Bauernhaus an. Die Kirche des Auferstandenen Lazarus ist eine der ältesten Kirchen Russlands.

Lazarus

© Wolfgang Stoephasius

Die sanft klingenden Glocken der Erzengel-Michael-Kapelle werden für uns geläutet.

ERZENGEL

© Wolfgang Stoephasius

Alle Gebäude sind aus Holz und wurden zum Großteil hierher gebracht, es handelt sich um ein Museumsdorf und gehört zum UNESCO-Welterbe. Der Himmel bleibt wolkenverhangen. Unser Kurs ist nun Südwest. Es ist kalt, gut dass wir in der Kabine eine Heizung haben. Am Spätnachmittag verlässt das Schiff den See und fährt in den Kanal des Flusses Kowscha ein und danach beginnen die sechs Schleusen, welche die Verbindung zu Wolga herstellen.

Als es am nächsten Morgen allmählich hell wird fahren wir auf dem Weißen See, wir haben die Wasserscheide überwunden. Zwei Stunden früher als geplant fährt das Schiff in den Fluss Scheksna ein, es geht wieder über weites flaches Land, die Ufer sind von sich verfärbenden Lärchen und Nadelbäumen bestanden.

Wir sind nahezu drei Stunden eher als vorgesehen in dem Örtchen Goritzy. Die Fahrtstrecke betrug 356 km. Wir laufen in dem typischen russischen Dorf herum, schauen bei einem Holzschnitzer in das Haus.

Goritzy

© Wolfgang Stoephasius

Mit dem Bus geht es zum sieben Kilometer entfernten riesigen Kirillo-Belosersky-Kloster welches im 15. Jh. vom Mönch Kirill errichtet wurde. Einst war es außerdem Festung, eines der wenigen aus Lehm gebauten Klöster in Nordfinnland und eines der größten des Landes. Es liegt an einem kleinen See.

Kyrill-Kloster

© Wolfgang Stoephasius

Heute leben wieder sechs Mönche in der Anlage. Wir bestaunen in einer der Kirchen die Ikonostase (die Ikonenwand).

Ikonen

© Wolfgang Stoephasius

Russland – Von der Ostsee an das Kaspische und Asowsche Meer (1).

Teil 1: St. Petersburg.

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(c) Wolfgang Stoephasius

Die zwanzigtägige Reise mit dem Schiff führte uns von St. Petersburg bis Rostow am Don.

Zunächst einige Inspirationen aus dem ehemaligen Leningrad, der Metropole, welche durch ihre Nähe zur EU (Finnland und Estland), am meisten westlich geprägt ist. Renate und ich sind Anfang der 90er, also kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in der Stadt gewesen und sind gespannt, was sich inzwischen so alles getan hat.

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(c) Wolfgang Stoephasius

Unser Führer Valery spricht exzellent Deutsch, auf Wunsch der Oma war er in der deutschen Schule. Wir haben einen quatschenden Nachbarn, der zum Beispiel nicht mehr in die Türkei fährt, weil angeblich andauernd Strohballen auf der Straße liegen. Auch Madame vor uns ist eine ganz Gscheide. Eigentlich interessiert uns das dumme Gequassel nicht, wir möchten lieber den Ausführungen des Führers folgen. Der Bus quält sich im Stau am Ufer der Neva Richtung Stadtzentrum. Bei dem Alexander-Newski-Kloster erreichen wir den Alexander-Newski- Prospekt mit seinen prächtigen Bauten vom Barock bis Jugendstil. Zu meiner Überraschung war Leningrad im Krieg kaum zerstört, aber nahezu 1 Millionen Menschen sind an der Hungerblockade der Wehrmacht zugrunde gegangen. Erster Stopp ist bei der ehemaligen Börse mit den opulenten Rostra-Säulen, einst Leuchttürme.

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Von weitem blicken wir auf die Peter und Paul Festung mit der dazugehörigen Kathedrale und dem spitzen goldenen Turm. Hier wurden 1998 die im Ural geborgenen Gebeine der letzten Zarenfamilie beigesetzt.

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Dem Leibeigenen, welcher eigenhändig den Engel auf der Turmspitze angebracht hatte, wurde die Freiheit geschenkt und er bekam eine Tätowierung am Hals, das bedeutete, dass er in allen Kneipen des Landes freie Getränke zu bekommen hatte. Davon rührt die Geste mit dem Finger zum Hals her, die in Russland zum Schnapstrinken animieren soll, also keiner will dir die Kehle durchschneiden. Wir halten bei einem Souvenirgeschäft mit viel Kitsch, davor liegt ein zum Restaurant umfunktionierter Segler.

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Wir fahren am Winterpalast vorbei und halten am Nevakanal bei der Isaak-Kathedrale mit dem viertgrößten Kuppelbau der Welt.

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Gegenüber liegt das Hotel Astoria, eines der Spitzenhotels der Stadt. Von weitem grüßt die Admiralität mit dem vergoldeten Turm, von hier aus wir die gesamte russisch Kriegsmarine befehligt.

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Am Griboedov-Kanal liegt die Erlöser-Blutkirche, errichtet Ende des 19. Jh. und der Basilius-Kathedrale in Moskau nachempfunden.

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Die Stadt macht, zumindest im Zentrum, einen recht ordentlichen Eindruck, Bettler sind keine zu sehen, bestohlen wird auch niemand von uns, obwohl es von Taschendieben wimmeln soll. Die teuren Geschäfte und Restaurants sind westlich orientiert. Barocke Bauten dominieren im Stadtzentrum.

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Petersburg ist und bleibt Russlands Tor zum Westen – und die Bürger bekommen ein vereinfachtes Visum nach Finnland und Estland und damit in den Schengenraum. Nach dem zeitigen Abendessen geht es wieder im Stau Richtung Zentrum. Die meisten Autos sind ganz anders als vor 20 Jahren nahezu ausschließlich westliche Fabrikate. Das Palais, in welchem der sogenannte „Zarenball“ stattfindet, wurde einst vom Urgroßvater von Alexander Puschkin gebaut. Er war ein sogenannter „Araber“, in Wirklichkeit ein Schwarzafrikaner, der von Peter dem Großen an den Hof geholt wurde, in Paris studieren durfte und es zu Wohlstand brachte.

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Wir erfahren während der Anfahrt, dass Nemec, der Deutsche, eigentlich der Stumme heißt, er redet zwar, aber man versteht ihn nicht. Ein Strafpokal ist, wenn der Russe bei einer Einladung zu spät kommt und je nach Verspätung eines oder etliche Gläser Wodka leeren muss. Sonst ist er eher unpünktlich meint die Führerin. Der Palast hatte in der Vergangenheit viele Besitzer und ist Anfang des Jahrtausends renoviert worden und beherbergt prächtige Säle, allerding so gut wie gar nicht eingerichtet. Es wird ein wirklich netter Abend. Begrüßt werden wir mit einer süßen Plempe von Krimsekt, das ist aber das einzige Negative.

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Die Vorführungen beginnen mit Auszügen aus Balettszenen. Später wird der Vorführraum zum Ballsaal umfunktioniert und wir hören schöne Lieder, sehen wunderbare Tänze, später werden auch wir mit einbezogen. Der Abend endet mit einem bunten kleinen Folkloreprogramm. Ein gelungener Abend. Um 22 Uhr legt das Schiff ab. Wir fahren nachts die Neva aufwärts und erreichen in den Morgenstunden den Ladoga See.