Der Weg – Tag 4: Zagora – das Schild

Samstag, 27.10. 2001: Es ist noch tiefe Nacht, als ich aus dem Haus gehe, schleppe mich mit meinem eigentlich viel zu schweren Rucksack ab. Der CTM-Bus soll angeblich um 4:30 Uhr abfahren. Ich stehe mutterseelenalleine am gare routière, fühle mich verloren. Aber tatsächlich rollt der bereits gut besetzte Bus kurz nach Halb ein. Ich döse vor mich hin, als der Bus durch die Ausläufer des Djebel Sarko rollt. Bei der „roten Stadt“ Agdz geht die Dämmerung in den Tag über. Als wir durch das Draa-Tal mit seinen grünen Dattelpalm-Plantagen fahren, bin ich endgültig wach. Es hat in der Gegend bereits seit vier Jahren nicht mehr geregnet, erzählt mir mein Sitznachbar. Für mich grenzt es an ein Wunder, dass die Palmenhaine noch so saftig grün scheinen: die traditionelle Bewässerungstechnik funktioniert beeindruckend. Nach dreistündiger Fahrt rollt der Bus in der Kleinstadt Zagora ein.

Mir fällt ein einsamer Mann auf der ständig mit seinen Händen vor seinem Gesicht herumfuchtelt. Ein Verrückter? Als ich aus dem Bus steige, kenne ich den Grund und fange auch an, um mich zu schlagen, tausende von Fliegen stürzen sich auf ihre Opfer. Meiner Recherchen im Internet haben ergeben, dass in diesem Ort noch immer das Schild aus den Träumen meiner Kindheit steht. Ich stelle den Rucksack in einem Souvenirladen unter und mache mich zunächst auf Orientierungsrundgang, wie von Geisterhand weggewischt, sind die Fliegen verschwunden. Vor der Polizeistation steht tatsächlich das Schild „Tombouctou 52 Jours“.

Wie lange werde ich wohl für die Reise brauchen? Wenn ich auch nicht auf dem Kamel nach Timbuktu reiten kann, möchte ich zumindest von hier aus etwas vom Spirit der Wüste spüren und lasse mir von den Leuten im Laden eine dreitägige Kameltour ausarbeiten. Im sogenannten Campingplatz wird für mich unter Dattelpalmen ein einsames Zelt aufgebaut, das Quartier für die heutige Nacht. Auf meinem Rundgang durch den Ort muss ich mich immer wieder durch eine aufdringliche Kinderschar kämpfen. Vom Djebel, dem Hügel neben der Stadt, beobachte ich einen unspektakulären Sonnenuntergang. Der Reißverschluss von meinem Zelt ist defekt und ich überlege schon, ob ich das mitgeführtes Moskitonetz aufspannen soll, lasse es dann doch bleiben und genieße eine ruhige Nacht unter den Palmen, deren Blätter mich sanft unter einer kleinen Briese schaukelnd in den Schlaf wiegen.

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