Der Weg –Tag 3: Über den Hohen Atlas und Begegnung mit dem Schlangenbeschwörer

Freitag, 26.10. 2001: Irgendwelche Nachbarn sind irre laut, so dass ich schon vor dem Ruf des Muezzin wach bin. In Ruhe richte ich mein Gepäck her, frühstücke gemütlich im ersten Stock meines persönlichen Lieblingsrestaurants, dem „Toubkal“. Mit dem preiswerten Petit Taxi, einem beigefarbenen Kleinwagen, der maximal drei Passagiere befördert, geht es zum Busbahnhof, dem Gare routière. Es bleibt mir gerade mal eine halbe Stunde Zeit und um 9:30 Uhr rollt der MAN-Bus von Prince Tours aus der Stadt. Im vollen Bus sitzt ein dünnes altes Männlein neben mir. Das ist mir lieber, als ein dicker Geschäftsmann. Die Straße windet sich durch braune Landschaft hinauf zu den Pässen des Hohen Atlas. In Taddert, nicht weit unterhalb des Tizi n‘ Tichka Passes ist Mittagspause. Ich begnüge mich mit einem  Glas von dem köstlichen grünen Tee mit frischer Minze, dem thé à la menthe. Bald sind die 2260 Meter erklommen und es geht flott bergab. Wir passieren ein breites Eingangstor und bereits um 14 Uhr sind wir am Busbahnhof von Ouarzazate der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz.

Nun heißt es erst einmal den Schleppern zu entkommen und mit dem Petit Taxi geht es zum Hotel Royal. Für das winzige Zimmer zahle ich ebenso winzige 7 Mark. Die Toilette ist zwar auf dem Gang, hat aber sogar eine europäische Sitz-Toilettenschüssel. Ich habe den ganzen Nachmittag Zeit und ich leiste mir den Luxus für umgerechnet 40 Mark ein Grand-Taxi, eine siebensitzige Mercedes-Limousine zu chartern. Wir passieren die kitschigen Atlas Filmstudios. An einer Straßenkreuzung winkt ein älterer Mann.

Hierzu ein Blick in mein Buch:„Mein Ziel aber sind die Wüsten Afrikas. Mit dem Bus geht es auf kurvenreicher Straße über den Atlas, hinüber nach Quarzazate, einen Dreh- und Angelpunkt im Land der Oasen, dem Draa-Tal. Etwa 25 Kilometer entfernt liegt ein befestigtes Wehrdorf aus Lehm, die Kasbah Ait Benhaddou, welche vielen berühmten Filmen, so auch „Lawrence von Arabien“,  als Kulisse gedient hat. Um dorthin zu kommen, muss ich mir ein Taxi mieten. Diese großen Mercedes-Limousinen verkehren normalerweise als Sammeltaxis. So ist es kein Wunder, dass ein älterer Berber an einer Straßenkreuzung versucht den Wagen anzuhalten. Der Fahrer macht Anstalten, weiterzufahren, da ich den vollen Preis bezahle. Ich bitte ihn, anzuhalten, und der Mann nimmt dankbar auf der Rückbank Platz, einen runden Bastkorb auf den Knien. Ich meine, ein Geräusch zu hören, eine Bewegung, ein Rascheln, und wende mich um. Der Taxifahrer übersetzt meine Frage: Ob ich wissen dürfe, was sich in dem Korb befinde. Das Lächeln des Berbers hat etwas Schelmisches.

„Eine Kobra“, übersetzt der Fahrer seine Erwiderung. „Dieser Mann hier ist Schlangenbeschwörer.“ Als der Alte sich anschickt, den Deckel anzuheben, bedeute ich höflich, das sei nicht nötig.

Gegenüber der Kasbah, einer mächtigen Burganlage, steigen  wir aus – und der freundliche Alte gibt mir als Geste der Dankbarkeit eine Privatvorstellung. Er lässt die mächtige Kobra aus ihrem Korb gleiten und diese bewegt sich tänzelnd zum Klang der Flöte. Ich genieße das Schauspiel und vertreibe mir so die Zeit, bis die letzte Touristengruppe aus der Lehmstadt heruntergestiegen ist. Im Licht der untergehenden Sonne spaziere ich alleine durch die engen Gassen, plaudere mit Händlern, trinke mit ihnen Tee. Nun ist auch meine Seele in Afrika angekommen.

Erst viel später lese ich, anders als in Indien und Asien gelte es in Nordafrika bis heute als verfemt, Kobras den Giftzahn zu entfernen. Dort gehöre es zum Berufsethos vieler Beduinen, mit dem Tod in Händen zu leben. Ich denke an das wettergegerbte, von tiefen Falten durchzogene Gesicht des  Beduinen. Man sagt, der Tod habe viele Gesichter. Dieses hat mir gefallen.“          Wolfgang Stoephasius: In siebzig Jahren um die Welt. Der meistgereiste Deutsche erzählt seine größten Abenteuer ©2016 Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin

Die Szene mit dem Schlangenbeschwörer spielt sich vor einem Cafe ab. Auf der anderen Seite einer Talsenke liegt die malerische Kasbah Ait Benhaddou. Plötzlich öffnet sich die Tür des Lokals und eine Horde Touristen drängt sich heraus, Kurs Kasbah. Den Reisebus hinter dem Lokal habe ich übersehen. So „fliehe“ ich erst mal in das Lokal und lege ein spätes Mittagessen mit Omelette, Brot und Wasser ein. Zur Tür kommt ein holländisches Pärchen herein. Jeanette und Will waren in der Kasbah und sind vor Begeisterung hin und weg. Sie sind auch auf dem Weg nach Timbuktu, haben aber noch kein Visum für Mauretanien. Ob ich sie auf der Reise noch einmal treffen werde? Die Touris kommen zurück und mit Beginn der Dämmerung laufe ich hinüber in das pittoreske Lehmdorf, steige hinauf zum höchsten Punkt. Die Dorfbewohner grüßen freundlich, laden mich zum Tee ein. Als ich zurück komme, spendiert mir ein Händler ein Glas echten Whiskey. Der Ort gehört nun mir alleine.

Als es stockdunkel ist, besteige ich das Taxi, der Fahrer hat geduldig gewartet. Vor dem Zu-Bett-Gehen gibt es noch ein Grillhendl in einem Straßencafe in der Nähe meiner Unterkunft. Gute Nacht, morgen muss ich wieder früh raus. Der Bus für die nächste Reiseetappe geht um 04:30 Uhr.

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