Der fröhliche Friedhof von Sapanta

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An Allerheiligen und Allerseelen gedenken wir unserer Verstorbenen. Wie in anderen Ländern mit dem Tod umgegangen wird, beschreibe ich in meinem Buch „In 70 Jahren um die Welt“ an einem Beispiel aus Rumänien.

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Nach dem Besuch anderer wunderschöner Moldauklöster geht es weiter in die Maramures mit den prächtigen Holzkirchen. Auf elendiglich schlechter Straße erreichen wir den Ort Sapanta im Nordwesten Rumäniens, unmittelbar an der ukrainischen Grenze, mit seinem ≫lustigen≪ Friedhof, wo hunderte bunt bemalter Holzkreuze in lebendigen Bildern und derben Sprüchen vom Leben der Verstorbenen berichten. Im Jahre 1932 kam Patras, von Beruf Zimmermann, auf die Idee, für einen Verwandten ein Kreuz mit einem fröhlichen Nachruf zu schnitzen. Plötzlich wollte jeder Dorfbewohner für seinen verstorbenen Angehörigen ein solches Kreuz haben. Von jetzt an baute der Zimmermann keine Holzhäuschen mehr. Als Patras im Jahre 1977 starb, trat sein ehemaliger Lehrling Dumitru Pop in seine Fußstapfen. Inzwischen, wir schreiben das Jahr 2010, werden es an die 800 dieser blauen Holzkreuze geworden sein. Dem Künstler redet bei der Gestaltung niemand drein, nicht einmal der orthodoxe Priester. Erst bei der Beerdigung wird das Geheimnis gelüftet. Unter dem Spitzdach des Holzkreuzes ist jeweils eine typische Szene aus dem Leben des Dahingegangenen geschnitzt und in der Ausdrucksweise naiver Bildkunst bunt bemalt. ≫Ich werde euch erzählen, wie gut ich lebte. Ich habe gearbeitet, wie ich konnte, und natürlich auch mal ein Gläschen getrunken. So verging mein Leben in der Kneipe, und ich lebte, bis der Tod mich 1978 fand≪, heißt es über einen Verblichenen. ≫Ich liebte es in der Kneipe mit den Frauen anderer zu sitzen. Ich bedaure sehr die Welt, denn ich bin zu früh gestorben≪, über einen anderen. Das Bild auf einem dritten Kreuz zeigt, wie eine Schlange einen Mann am Fuß erwischt: ≫Der Schnaps ist eine Schlange, die uns Trauer und Mühsal bringt. Wem der Schnaps gut schmeckt, dem wird es so ergehen wie mir.≪ Und zur Zeit der Schreckensherrschaft von Ceausescu, wo jegliche Regimekritik unweigerlich im Arbeitslager endete, reimte der Künstler für ein Ehepaar folgenden Spruch: ≫Solange wir auf der Welt waren, pflanzten wir schöne Obstbäume. Die Alte hat immer den Faden gesponnen und ich erntete die Äpfel. Ich habe viel geerntet, aber viele Äpfel haben wir nicht gegessen, weil wir sie der LPG liefern mussten.≪

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5 Gedanken zu „Der fröhliche Friedhof von Sapanta

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