Es war einmal eine schöne Gartenwirtschaft

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(c) Wolfgang Stoephasius

Vor zwei Jahren hatte ich für die  Abendzeitung einen  Artikel geschrieben. Wer hätte gedacht, dass es fast auf den Tag zwei Jahre später vorbei sein wird mit dieser kleinen Oase am Rande von Schwabing. Am 29. Juni  hat  die Enissa das letzte Mal das preiswerte Essen und das Bier welches unter drei Euro kostet an den Tisch gebracht.

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(c) Wolfgang Stoephasius

Am 30. Juni wurde  die Gaststätte übergeben und am 1. Juli unter neuer Leitung mit einem neuen Team und unter einer anderen Philosophie wieder eröffnet. Diese Philosophie besteht darin, dass vom alten Personal niemand übernommen wurde, die Küche mangels Koch geschlossen ist und Studentinnen und Studenten bedienen, die Apfelsaftschorle kostet 4,50 Euro und Wilma die bisherige Wirtin hat Lokalverbot.

Das war mein Artikel in der AZ:

“Hier treffen sich Arzt und Hausmeister

Schwabing – Der ältere Herr am Tisch nebenan spricht zu mir herüber: „Sie da mit Ihren blauen Augen, ich glaube Sie sind ein richtig netter Mensch und ausschaun tuns wie der Kronzprinz Rupprecht“.

Es ist ein warmer Sommertag im Jahre 2006 und wir sitzen im Kreis der Familie in der Gartenwirtschaft zum Mittagessen. So beginnt ein unvergessliches Gespräch.

Der Mann mit der blauen Prinz-Heinrich-Mütze ist Carlomaria Grassinger, er und seine Frau Ingrid betreiben eine kleine Druckerei in der Hans-Sachs-Straße. Dort werden meine Frau und ich die beiden einige Tage später besuchen und tauchen ein in ein Leben, so wie es symptomatisch ist für viele kleine Gewerbetreibende.

Die Grassingers sind begnadete Graphiker, Auszeichnungen für meisterhafte Arbeit bis hin vom schwedischen Königshaus hängen an der Wand. Aber der Zeitgeist, der meint es nicht gut mit Leuten wie den Grassingers.

Wer will heute noch kunstvoll gefertigte Einladungen oder Visitenkarten, ist es doch so einfach, sich irgendwelches mehr oder weniger Geschmackloses am Computer zurechtzubasteln?

Solche Menschen trifft man bei der Wirtin Wilma, aber auch andere. Angestellte und Beamte aus den in der Nähe gelegenen Behörden, Ärzte und Lehrer trinken hier ihr Bier, bestellen sich ein Schnitzel.

Bei der Wilma ist vieles anders als in anderen Biergärten und Gartenwirtschafen. Hier scrollt niemand auf seinem Tablet, hier schaut keiner in sein Smartphone oder unterhält die Umgebung mit seinen Handy-Gesprächen, hier wird mit dem noch Fremden am Nachbartisch geplaudert.

Ja, bei der Wilma ist vieles anders, die Halbe Fassbier kostet 2,70 Euro und am Mittwoch gibt es ab 17 Uhr den Schweinsbraten für 4,80 Euro. Die eigene Brotzeit darf man nicht mitbringen, das ist auch nicht nötig, denn die Essensauswahl ist riesig und die Preise sind genau das Gegenteil.

Beim Carlo haben wir noch einige Male in der Werkstatt vorbeigeschaut, immer öfter war er nicht da, seine Ingrid hat uns erzählt, dass er gar nicht mehr so gut beieinander ist. Bei der Wilma haben wir ihn dann auch nicht mehr gesehen. Am 21. Dezember 2011 las ich in der Abendzeitung, dass die Aktion „Münchner helfen“ dem Carlo eine ordentliche Urnenbestattung ausrichten will. Am 11. Januar 2012 stehe ich mit wenigen Trauergästen an seinem Grab am Westfriedhof. Seine Ingrid konnte es finanziell nicht mehr stemmen, ihm eine angemessene Beerdigung zu ermöglichen, Handwerkerschicksal. Der Druckerladen war lange Zeit geschlossen, nun zieht ein sogenanntes Männerlabel dort ein.

Der Carlo sitzt nicht mehr bei der Wilma im Garten, der Zeitgeist muss weiterhin draußen bleiben.“

Nun wird wohl der Zeitgeist auch hier einziehen, wieder ist ein kleines Stück Münchner Idylle für immer gestorben. Wilma, du und dein Team, ihr werdet uns fehlen, habe ich noch vor einigen Wochen in meinem Blog gepostet. Am Dienstag vor einer Woche ist sie gestorben und heute waren wir mit zweihundert anderen Trauergästen bei ihrer Beerdigung auf dem Westfriedhof.

Vielleicht sitzt die Wilma schon auf der berühmten Wolke 7, raucht ihre geliebte Zigarette und der Carlomaria macht ihr Komplimente.

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(c) Wolfgang Stoephasius

wilma

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